Der Groll der Griechen

Von Peter Lindner und Gökalp Babayigit, sueddeutsche.de, 08.12.2008

Proteste in Athen und Berlin

Link sueddeutsche.de


Originaltext sueddeutsche.de (8.12.2008)

Nach dem Tod eines Jugendlichen in Griechenland ist kein Ende der Krawalle abzusehen. Zu Protesten gegen den Staat kam es sogar im griechischen Konsulat in Berlin - die Bevölkerung ist fassungslos.

Der Tod eines Jugendlichen durch Polizeischüsse hat in Griechenland die schwersten Unruhen seit fast zwei Jahrzehnten ausgelöst. Die Proteste drohen sich weiter auszuweiten - auch über die Landesgrenzen hinaus: So haben Demonstranten in Berlin am Montagmorgen das griechische Konsulat in Berlin besetzt.

Etwa 15 Personen seien ins Gebäude am Wittenbergplatz eingedrungen, sagte der Sprecher der griechischen Botschaft zu sueddeutsche.de.

Sie entfernten die griechische Flagge vom Balkon des Konsulats und brachten ein Transparent mit deutscher und griechischer Aufschrift an der Fassade an. Die deutsche Aufschrift lautet: "Ermordet vom Staat". Die zum Teil vermummten Demonstranten, die zwischen 18 und 25 Jahre alt sein sollen, seien jedoch nicht bewaffnet und verhielten sich bislang friedlich, hieß es. Die Mitarbeiter im Konsulat könnten weiter ihrer Arbeit nachgehen. "Wir führen derzeit Gespräche mit den Demonstranten", so der Sprecher.

Die Demonstranten haben den Angaben zufolge Mitarbeitern des Konsulats eine Resolution übergeben, mit der sie gegen den aus ihrer Sicht "vorsätzlichen Mord" an dem 15-Jährigen prostestieren wollen. Die Botschaft leitete das Schreiben inzwischen an die Regierung in Athen weiter. Konkrete Forderungen hätten die Demonstranten jedoch nicht gestellt. Die Polizei hat nach eigenen Angaben 130 Beamte vor dem Gebäude zusammengezogen, um das Konsulat und den freien Zugang dazu zu sichern.

Wie der Sprecher der Botschaft weiter mitteilte, ist es vor der griechischen Vertretung in Zagreb am Vormittag ebenfalls zu Demonstrationen gekommen. Auch in London würden im Laufe des Tages weitere Proteste erwartet.

Jugendliche werfen Brandsätze

In Athen gingen mehrere tausend Schüler am Morgen auf die Straßen, berichtete das Fernsehen. In der Hafenstadt Thessaloniki warfen Unbekannte mehrere Brandsätze gegen die Fassade eines Bankgebäudes. Schüler blockierten die Straßenbahn von Athen. Andere Jugendliche besetzten eine Station der U-Bahn nahe der Vorstadt Kifissia. Dort musste der Verkehr eingestellt werden.

In fast allen Landesteilen Griechenlands blieben am Montag die Schulen geschlossen. Für den Abend und die kommenden Tage wurden neue Demonstrationen autonomer Gruppen und linker Parteien angekündigt.

Bei den Straßenkämpfen waren seit Samstagabend etwa 40 Menschen verletzt worden. Der Sachschaden wird auf 100 Millionen Euro geschätzt. Straßenzüge in Athen und im nordgriechischen Thessaloniki boten Bilder wie in einem Bürgerkrieg. Mehr als 500 Angestellte der Stadt versuchten am Montag in Athen, die Wracks der Autos aus den Straßen zu entfernen.

Die Krawalle hinterließen zudem zerstörte Geschäfte, Bankfilialen und Polizeiwachen. Auch Privatwohnungen waren demoliert worden. Brennende Barrikaden und massiver Tränengaseinsatz der Sicherheitskräfte legten weite Teile der Innenstadt Athens unter eine dichte Rauchdecke.

"Das Ausmaß der Aggressivität lässt sich mit keinem Ereignis aus der jüngeren Vergangenheit vergleichen", sagt Janis Emmanouilidis, Politikwissenschaftler in Athen zu sueddeutsche.de.

"Fassungslosigkeit in der Bevölkerung"

Die Angst innerhalb der Bevölkerung, dass dieses Problem nicht mehr kontrollierbar bliebe, sei ebenfalls größer als früher. Nicht zuletzt deshalb, meint Emmanouilidis, weil neben Athen auch weitere Städte - mittlere und größere - betroffen seien.

In der Bevölkerung herrsche Fassungslosigkeit ob der Ereignisse direkt im Herzen Athens. Die Reaktion der Bürger könne man so zusammenfassen, meint Politikwissenschaftler Emmanouilidis. "Die Leute denken sich: 'Man hört ja von ähnlichen Dingen aus dem Ausland - doch wenn sie in Frankreich passieren, dann in den Banlieues und nicht direkt unterhalb des Eiffelturms’".

Nach Einschätzung des Politologen dürften die Auseinandersetzungen auch das ohnehin angeschlagene Vertrauen in die politische Elite weiter schwächen. Im Zuge der Finanzkrise, die sich in Griechenland auf den Arbeitsmarkt niederschlage, sei die Regierung ohnehin in der Defensive. "Im Lichte der jüngsten Ereignisse und ihrer Unkontrollierbarkeit durch die Polizei wird es schwer für die Regierung, sich an der Macht zu halten", sagt Emmanouilidis.

An der schnellen Reaktion auf den Tod des 15-Jährigen, der von der Polizei erschossen wurde, zeige sich auch, wie gut organisiert die linken Autonomen seien. Keine 45 Minuten seien nach dem Zwischenfall vergangen, bis die ersten Krawalle losgingen. Wenig später sei schon von etwa 1000 Gewalttätigen die Rede gewesen, sagt Emmanouilidis. Zynisch betrachtet, müsse man sagen: "Der Mord an dem 15-Jährigen war ein willkommener Anlass für die Anarchos, um zu zeigen: 'Wir demonstrieren gegen die Staatsgewalt, wir wollen die Regierung in die Knie zwingen - und wir meinen es ernst’."

Der Ursprung solcher Gewaltbereitschaft sei ein vielschichtiges Problem, sagt Emmanouilidis. "Die soziale Komponente darf nicht außer Acht gelassen werden. Vor allem in der jüngeren Generation paart sich ein extrem hohes Frustpotenzial mit Zukunftsangst."



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